Ab durch die Mitte

Ein Gedanke zur Zeit

Zum Abgang von der Bühne gibt es für Schauspieler mehrere Möglichkeiten: Die Wege zu den Seiten der Bühne sind in der Regel die längeren, der Weg nach hinten in die Kulisse ist oft der schnellere. In der Theatersprache steht deshalb das „ab durch die Mitte“ für das schnellstmögliche Verlassen einer Szene. Dieses „ab durch die Mitte“ ist sprichwörtlich geworden. Wenn in Kinderohren am Abend der Satz erklingt: „Schnell noch Zähne putzen und dann ab durch die Mitte“, wissen die Sprösslinge Bescheid. Diskutieren und lamentieren zwecklos, höchste Zeit zum Schlafengehen.

Die Mitte ist gegenwärtig auch in der Politik als der Weg des schnellen Abgangs verrufen. Wer in der Mitte ist, so die Befürchtung vieler Parteifürsten, sei nicht schwarz oder weiß, sondern grau und nah am kürzesten Weg ins politische Abseits. Am rechten und am linken Rand der Politikszene versuchen sich deshalb die zu profilieren, die angeblich Klartext reden, Lösungen haben und Kante zeigen. Welche Hybris dieser Parteien, die ebenfalls ganz nahe am Ausgang das Geschehen nur von einer Seite betrachten können. Und welche Illusion ihrer Wähler, die meinen, ein Regisseur schiebe die Hauptdarsteller seines Stückes auf die Seite.

Keine Gemeinschaft, ob Familie, Kirche oder Staat, kann funktionieren, wenn sie auf die verschiedenen Blickwinkel ihrer Mitglieder verzichtet. Gemeinschaft funktioniert nur, wenn sie Kompromisse schließt. „Ab in die Mitte“ rate ich vor der Landtagswahl deshalb all denen, die auf der politischen Bühne eine ernst zu nehmende Rolle spielen wollen. An den Rändern werfen die Scheinwerfer schon Schatten und tummeln sich nur Statisten.

Dekan Martin Steinbach