Christsein unter imperialer Macht

Der Holzkirchner Partnerschaftspfarrer Mitri Raheb aus Bethlehem im Thomassaal

Dr. Mitri Raheb, evangelischer Pfarrer aus Bethlehem besuchte im Anschluss an den Stuttgarter Kirchentag auch die Partnergemeinde Holzkirchen in unserem Dekanat. Seine Thesen an diesem Abend schienen nicht revolutionär, eher die Schlüsse, die er daraus zog: Dass die Bibel aus Palästina käme, wussten die ca. 50 Zuhörer bereits, dass aber die geopolitische Lage dieser Region großen Einfluss habe auf die Theologie in diesem Buch, war ein neuer Aspekt. Palästina sei immer ein Spielball der fünf umliegenden Großmächte gewesen: Persien, Mesopotamien, Ägypten, das osmanisches Reich und Europa hielten von Urzeiten bis 1945 (bis auf wenige Ausnahmen) dieses Land besetzt. Seit 1948 nun besetze der Staat Israel dieses Land und verdanke wiederum seine Existenz dem „europäischen Kolonialismus“. Auch Jesus habe ja sein ganzes Leben unter imperialer Macht (damals der Römer) verbracht. Und immer wieder wiederhole sich die Geschichte in diesem Landstrich.  Waren es einst die Weisen aus dem Morgenland, die durch König Herodes vom Imperium verhört worden seien, so sind es heute die Palästinenser, die in ihrem eigenen Land von jüdischen Siedlern aus Europa, Amerika, Russland und Afrika verhört und schikaniert würden. Nicht nur einmal habe er, Raheb, an den Checkpoints den Schrei: „Wo bist du, Gott?“ gehört. Es sei der Schrei, den auch Christus am Kreuz gerufen habe. Die Bibel als Buch der Hoffnung und als Schrei der Armen und Verfolgten könne letztlich nur aus diesem unterdrückten Land kommen, so der Referent, nicht aus einem Imperium. Und das Reich Gottes sei damit immer auch als ein Gegenentwurf zu den imperialen Mächten dieser Welt zu verstehen. „Bestimmte Dinge“, so zitierte Mitri Raheb abschließend den Befreiungstheologen Óscar Romero, „könne man eben nur mit Augen sehen, die geweint haben“. Er wünsche sich für die Zukunft Palästinas, dass die biblische Verheißung des Jesaja wahr werde und das Lamm im Frieden neben dem Löwen weiden könne.