Gescholtenes Establishment

Dass sich etwas „etabliert“ hat, habe ich bislang nicht negativ verstanden. Ein Geschäft, das sich im Ort etabliert hat, verfügt endlich über einen festen Kundenstamm. Eine Jugendarbeit, die sich in der Kirchengemeinde etabliert hat, ist der Aufbauphase entwachsen und funktioniert. Dass die „etablierten“ Parteien mit ihren „etablierten“ Politikern im „etablierten“ Berlin oder Washington oder Paris jetzt so sehr in der Kritik stehen, überrascht deshalb. Oder nicht? „Etabliert“ hat ja auch die negative Bedeutung: „althergebracht“, „traditionell“, „angepasst“. Wenn also etabliert meint, dass Generalsekretäre mit überkommenem Schwarz-Weiß-Denken Politik vermitteln wollen und Parteivorsitzenden, angepasst an ihre althergebrachte Klientel, der Blick über den Tellerrand verloren geht, dann ist der Missmut des Wählers über alles Etablierte gut zu verstehen.

Die Kirchen haben ein ähnliches Problem. Ihre Botschaft ist oft richtig, trifft aber nicht immer ins Schwarze. Die Trinitätslehre oder die Rechtfertigung des Sünders sind unumstritten. Das Evangelium aber auf diese etablierten Lehren einer 2000-jährigen Geschichte zu reduzieren, ließe heute viele Gottsucher enttäuscht zurück. Auch Kirche ist immer gefordert, ihr herkömmliches, traditionelles Denken zu überwinden und sich auf heutige Fragen und Bedürfnisse einzulassen. „Ecclesia semper reformanda“ – Kirche muss sich ständig erneuern, das wusste schon Martin Luther. Nicht zu Unrecht sah man in ihm einen Reformator des damaligen Establishments.

Martin Steinbach