Lufthoheit über die Politik ?

"Wir teilen viele Ideen in Bezug auf Einwanderungspolitik, Willkommenskultur, Asylrecht und Seenotrettung": Bürgermeister Leoluca Orlando aus Palermo mit dem Ratsvorsiotzenden der EKD, Heinrich Bedford Strohm auf dem Kirchentag in Dortmund.

Ein Gedanke zur Zeit 

„Es genüge völlig, dass in der Politik die Vernunft herrsche“, so ein verärgerter Kritiker nach meiner Sonntagspredigt. Es verbiete sich, dass sich die Kirche eine Lufthoheit über die Politik anmaße. Der wahre Platz der Kirche sei das Lager der „betenden, bettlägerigen Seniorin“. In meiner Predigt hatte ich versucht, aus dem Handeln Jesu mögliche Schlüsse für unsere heutige Zeit zu ziehen.

Nun gibt es aber auch in der Politik gegensätzliche Meinungen, die sich alle als vernünftig bezeichnen würden. Wer also bestimmt, was wirklich vernünftig ist? Auch die Vernunft orientiert sich an Werten, um die es zu ringen gilt.

Politik kam noch nie und kommt auch heute nicht drum herum, politische Äußerungen aus dem Raum der Kirche und ihres Evangeliums als Gesprächsbeiträge zu hören. Sie hat diese, wie auch weitere Gesprächsbeiträge aus gesellschaftlich relevanten Institutionen abzuwägen und dann eine ihr vernünftig erscheinende Entscheidung zu treffen. Dabei stehen aber auch diese „vernünftigen Entscheidungen“ letztlich immer durch Wahlen zur Disposition – wenn man das Glück hat, in einer Demokratie zu leben.

Eine politisch bedeutungslose Kirche am Bett der betenden, bettlägerigen Seniorin mag ein Wunsch von Menschen sein, die ihre Überzeugung durch Kirche nicht in Frage stellen lassen wollen. Eine solche Kirche aber wäre keine biblische und auch nicht meine Kirche. Beides muss nebeneinander stehen: Seelsorge und politisch-gesellschaftliche Relevanz … und natürlich noch vieles mehr!

 

Dekan Martin Steinbach

 Evang. Kirche, Bad Tölz