Mal ehrlich! - sieben Wochen ohne Lügen

Ein Gedanke zur Zeit

Dass meine Eltern am Abend noch eingeladen waren, war mir damals sehr recht: „sturmfrei“ und ein ausgezeichnetes Fernsehprogramm an diesem Abend. Aber das Vergnügen war auf einmal äußerst gefährdet. Der Vater hob den Zeigefinger und mahnte: „aber um 21 Uhr bist du im Bett!“ Um 21 Uhr lag ich tatsächlich im Bett – allerdings nur rund 30 Sekunden, dann saß ich wieder vor der Glotze. Als der Vater am nächsten Morgen fragte, meinte ich, ja, ich sei pünktlich zu Bett gegangen. Stimmte ja auch!?   

Es sind solche, aber auch andere Geschichten, die mich angesichts des diesjährigen Fastenmottos fragen lassen: Was ist Wahrheit? Was ist, wenn mir ein Junge ziemlich begeistert schlecht Klavier vorspielt und am Ende strahlend fragt, ob er gut war. Soll ich dann wahrheitsgemäß sagen: Nein? Oder wie soll ich es verstehen, ... wenn sich der Kolumnist des Münchner Merkur seit Monaten an Kanzlerin Merkel abarbeitet? Ob Brexit oder Straßenmaut, ob Trump oder Europa und in Flüchtlingsangelegenheiten sowieso, was Merkel auch tut oder nicht, diskreditiert sie in den Augen dieses Kritikers. Auch das ein gefährliches Spiel mit Meinung und Wahrheit. Oder es werden in den Sozialen Medien atemberaubende Fake-News verbreitet, deren Wahrheitsgehalt genauso gegen Null geht, wie die Chance, sie wieder richtig zu stellen. Was ist Wahrheit, was halten wir für wahr, was hätten wir gerne, dass wahr wäre?  

Mal ehrlich, sieben Wochen selbstkritischer Umgang mit der Wahrheit werden uns in dieser Fastenzeit guttun.

Dekan Martin Steinbach