Modetrend Gelbwesten

Ein Gedanke zur Zeit

Am 1. Mai ist frei. Mitten in der Woche. Wir verdanken diesen Feiertag der nordamerikanischen Arbeiterbewegung. Diese rief für den 1. Mai 1886 zum Generalstreik auf, um einen Acht- statt des üblichen 12-Stundentags für ein Tagessalär von drei Dollar durchzusetzen. Der größte Streik fand in Chicago statt. Aber der Protest auf dem Haymarket eskalierte, es gab Tote durch eine Bombe und Schießereien. Seitdem wiederholten sich die Protestaktionen am 1. Mai und griffen auch auf Europa und andere Kontinente über. Aber die Mühlen mahlten langsam. In Deutschland wurde erst nach dem 1. Weltkrieg der Achtstundentag bei einer Sechstagewoche eingeführt.

Man kann daher ruhig mal einen Gedanken zum Thema „Arbeit“ verschwenden. Dankbar, dass derzeit viele Arbeit haben und zufrieden, weil die Arbeitsbedingungen im letzten Jahrhundert wesentlich besser geworden sind. Aber durchaus auch kritisch, weil Arbeit völlig zu Unrecht einen so unterschiedlichen Wert besitzt. Ein Schreibtischposten in der Industrie hat einen vielfachen Wert gegenüber dem Betreuen, Waschen und Windeln alter Menschen. Und der Lohn für harte Akkordarbeit in der Werkhalle fällt gegenüber den Gehältern in den Chefetagen kaum ins Gewicht. Der flapsige Satz: „Augen auf bei der Berufswahl“ hilft da nicht wirklich weiter. Eine Gesellschaft kann nur da im Frieden leben, wo sie ihre Mitglieder „mitnimmt“ und am Wohlstand teilhaben lässt. Wenn dagegen die Schere immer weiter auseinanderklafft, könnten Gelbwesten auch in Deutschland in Mode kommen.

Dekan Martin Steinbach