Wider den einseitigen Komparativ

Als Baron de Coubertin 1896 die Olympischen Spiele zu neuem Leben erweckte, gab er den Athleten als Motto vor: „Schneller, höher, stärker“. Seine Parole motiviert seitdem Sportler zu oft sensationellen Spitzenleistungen, die wir dieser Tage wieder bewundern.

Aber nicht nur im Sport hat sich die Welt nach der olympischen Devise weiterentwickelt. Auch in Wirtschaft und Technik, in Kultur und Gesellschaft funktioniert Fortschritt nach dem Wahlspruch des olympischen Barons. Dabei hat der bejubelte Erfolg immer zwei Seiten. Im Sport ist Doping die Kehrseite, in der Technik das Überschreiten ethischer Grenzen. In der Wirtschaft werden ganze Kontinente abgehängt und sehen kein Land mehr. Auch in unserer Gesellschaft steht der zu immer mehr Leistung gedrängte Mensch vor dem Burn-out, dem Herzinfarkt oder dem Scheitern seiner Beziehungen.

Der einst so propagierte olympische Komparativ zeigt seine Schattenseiten. Der große Erfolg unterwirft sich den Menschen. Den propagierten Götzen Fortschritt und Wachstum opfern wir in Slums und Favelas menschliche Existenzen und hierzulande Gesundheit, Beziehungen und Lebensfreude. Wir sind zur Entschleunigung aufgerufen und brauchen mehr denn je unsere Freiräume. „Weniger ist mehr“ lautet daher der Komparativ, den wir zur rechten Zeit dem andauernden olympischen Prinzip in unserem Leben entgegenstellen müssen. Der Mensch darf nicht zum Sklaven eines Leistungsanspruchs werden, sondern muss zum gleichwertigen Partner der Leistung werden. Sonst schadet Leistung dem Menschen, wie Doping dem Sportler.

Martin Steinbach, Dekan