Zum Miteinander gibt es keine Alternative

Glasbild in der Johanneskirche Bad Tölz: Luther auf dem Reichstag in Worms 1521

Ein Gedanke zur Zeit

Es ist eine 500-jährige, von Macht und Geringschätzung erfüllte Beziehungsgeschichte, auf die Katholiken und Protestanten in diesem Jahr zurückschauen. Angefangen hatte diese Geschichte mit theologischer Kritik eines Mönchs an seiner Kirche. Mit Drohungen, geschmacklosen Verbalattacken und prozierenden Zeichenhandlungen gossen die Beteiligten ordentlich Öl ins Feuer. Nachdem auch politische Interessen den Konflikt für sich vereinnahmten, wurde aus einem theologischen Disput letztlich Krieg.

Wer diese unheilvolle Geschichte im Kopf hat, genießt die ökumenische Ausrichtung ihres Gedenkens nach 500 Jahren: In einem Gottesdienst in Hildesheim mit prominenten Vertretern von Staat und Kirche bekennen der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Bischof Bedford-Strohm und der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz, Kardinal Marx die historische Schuld ihrer Kirchen. Sie geloben, sich künftig gemeinsam in ihrem Christuszeugnis vor dieser Welt zu unterstützen. Die verbindende Herzlichkeit zwischen den beiden Kirchenvertretern lässt Gutes ahnen und macht Mut, auch auf Gemeindeebene ökumenisch unverdrossen voranzuschreiten.     

Die Reformationsgeschichte zeigt, wie schnell und unversöhnlich Konflikte eskalieren können und wie lange sie oft brauchen, um wieder zu heilen. Die gegenwärtigen Scharfmacher in der Türkei, in USA, Polen und Ungarn sollten bedenken, dass ihre schnell aufgerissenen Gräben um nationale Interessen herum oft mühsam wieder zugeschüttet werden müssen. Denn zu einem vernünftigen Miteinander gibt es keine Alternative.

Martin Steinbach, Dekan